Über den DuT-Report

Die Corona-Pandemie hat im Jahr 2020 unsere Welt verändert: Uns Menschen hat sie vorgeführt, wie verletzlich unsere Gesellschaften weltweit sind – und wie verletzlich und anfällig unser eigener Organismus in der Pandemie ist. Dem Medizinbetrieb im Allgemeinen wurden und werden seine Grenzen aufgezeigt – aber auch, wie man diese überwinden und neu definieren kann. Dies gilt für die Diabeto­logie im Besonderen: Ist eine der Grundfesten, die Präsenzschulung als Teil der Diabetestherapie, erst einmal erschüttert, dann ist es gut, wenn man schnell Alternativen findet.

Die Umfrage

Sie bekommen hier die Ergebnisse zweier Umfragen unter Diabetologen und unter Diabetesberater/-innen zusammengefasst und verglichen. Die Ergebnisse sind ein Meilenstein, zeichnen sie doch ein Bild der Diabetologie unter Digitalisierungs- und Technologie-Vorzeichen – in einem für die Menschheit einmaligen Pandemiejahr!

Der Report

Im Report schreiben Experten über aktuelle Entwicklungen in der Diabetologie: Welche Chancen liegen in der Digitalisierung – in allen Lebensphasen? Welche Apps sind gut? Wie sieht die dia­betologische Praxis der Zukunft aus? Die Beiträge sollen Sie dabei unterstützen, praxistaugliche Lösungen zu identifizieren, die Bestandteil der modernen und patientenorientierten Diabetologie sein können.

Das Jahr 2020 wurde durch das Thema COVID-19 beherrscht. Das Virus prägt unseren Alltag wie kaum ein anderes Ereignis in den letzten Jahrzehnten und stellt sowohl Menschen mit Diabetes – als eine besondere Risikogruppe – als auch alle im Gesundheitswesen Tätigen vor besondere Herausforderungen.

In dieser Situation hat gerade die Digitalisierung einen enormen Schub erfahren, denn sie bietet im privaten, beruflichen wie auch im gesundheitlichen Bereich praktikable Alternativen, um mit den Corona-bedingten Einschränkungen besser umgehen zu können. Und dieser erlebte Nutzen von digitalen Anwendungen führte dazu, dass sich viele Menschen Fragen stellen, ob nicht die Diabetestherapie durch eine Digitalisierung einfacher und effektiver werden könnte:

  • Muss man „nach“ Corona wieder wegen jeden Rezepts oder jeder Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung zum Arzt gehen oder lässt sich dies nicht viel einfacher mit ein paar Klicks online erledigen?
  • Wäre es nicht sinnvoll, wenn es auch dauerhaft die Möglichkeit gäbe, Arzttermine digital zu vereinbaren?
  • Sind nicht Video-Sprechstunden und -Schulungen in bestimmten Situationen gerade bei Diabetes sehr praktisch und sollten diese nicht – ähnlich wie das Homeoffice – zukünftig auch nach Corona eine selbstverständliche Option darstellen?
  • Können nicht die vielen Daten, die bei der Dia­betestherapie anfallen, besser vernetzt und ausgewertet werden, sodass Menschen mit Diabetes wie auch Behandler auf einen Blick den Verlauf und mögliche Optimierungsmöglichkeiten bei der Therapie erkennen können?
  • Wäre es nicht erstrebenswert, dass die vielen am Behandlungsprozess des Diabetes beteiligten Fachdisziplinen und Berufsgruppen Zugriff auf die wichtigsten diabetesrelevanten Befunde haben?
  • Könnten nicht Algorithmen Menschen mit Dia­betes wie auch Behandler bei der Diabetestherapie sinnvoll entlasten und unterstützen?
  • Wäre es nicht hilfreich, besser auf die eigene individuelle Situation zugeschnittene Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Prognose des Diabetes zu bekommen?

In der mittlerweile 3. Auflage des D.U.T-Reports zum Stand der Digitalisierung und Technologie bei der Diabetestherapie stellen wir Ihnen die Ergebnisse der Umfrage bei Diabetologen und Dia­betesberatern/-assistenten bezüglich ihrer Einschätzungen zum Stand der Digitalisierung und zu wichtigen Trends der Zukunft vor. Diese Umfrage wurde kurz vor der zweiten Corona-Welle vom 15.8. – 15.10.2020 durchgeführt, insgesamt nahmen 901 Personen teil. Ein Ergebnis hat uns besonders beeindruckt: Die überwiegende Mehrheit der Diabetologen und Diabetesberater/-assistenten steht der Digitalisierung und neuen Technologien sehr positiv gegenüber. Sie erwarten davon eine substanzielle Verbesserung der Therapie des Diabetes und für die Patienten eine bessere Lebensqualität. Damit wird die Digitalisierung zum Hoffnungsträger für bessere Therapiemöglichkeiten des Diabetes.

  • Die nun zum dritten Mal durchgeführte Befragung von Diabetologen zeigt, dass sich im Zeitraum von 2018 – 2020 die Anzahl von Menschen mit Diabetes, die moderne Technologien bei ihrer Therapie anwenden, mehr als verdoppelt hat und die meisten Diabetologen täglich in ihrer Praxis mit digitalen Anwendungen und neuen Technologien umgehen. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass trotz der Corona-Pandemie die meisten Praxen noch keine Video-Sprechstunde oder -Schulung anbieten und auch eher skeptisch gegenüber Diabetes-Apps sind.
  • Erstmalig wurden Diabetesberater/-assistenten befragt, für die sich nach ihrer Einschätzung das Berufsbild aufgrund der Digitalisierung und neuer Technologien stark verändert. Die meisten erleben dies jedoch positiv, da sie der Meinung sind, dass dadurch sowohl die Qualität der eigenen Arbeit als auch die Glukosekontrolle der Patienten verbessert werden. Auch nicht unwichtig: Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dadurch mehr Spaß an der eigenen Arbeit zu haben.
  • Beim Vergleich der Antworten und Einschätzungen von Ärzten und Diabetesberatern/-assistenten zeigt sich eine relativ hohe Übereinstimmung. Es fällt jedoch auf, dass sich die Ärzte als etwas interessierter, engagierter und kompetenter bezüglich der Digitalisierung einschätzen als die Diabetesberater/-assistenten. Hingegen bewerten Diabetesberater/-assistenten AID-Systeme, Video-Sprechstunde und -Schulung sowie Apps als bedeutsamere Zukunftsoption der Diabetologie als die Dia­betologen.
  • Auch in dieser Ausgabe des D.U.T-Reports finden Sie im zweiten Teil die wichtigsten Informationen, Neuigkeiten und Trends des Jahres 2020 zu ausgewählten Themen der Digitalisierung und neuen Technologien. Dort können Sie nachlesen, wie sich die Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven heraus die diabetologische Praxis der Zukunft vorstellen und welche Auswirkungen neue Technologien, wie AID-Systeme, oder digitale Praxen, Plattformen, Ökosysteme haben werden. Auch werden künftige Entwicklungen des Praxisalltags, wie die elek­tronische Patientenakte, „Apps auf Krankenschein“ oder neue Anwendungen mit künstlicher Intelligenz in Hinblick auf den Diabetes diskutiert.
  • Den D.U.T-Report über die Digitalisierung bei Diabetes können Sie natürlich nicht nur als Buch lesen, sondern es gibt ergänzend noch eine ganze Reihe anderer digitaler Optionen, um sich über die neuesten digitalen und technologischen Entwicklungen des Diabetes zu informieren.www.dut-report.de: Hier finden Sie den D.U.T-Report und auch die einzelnen Kapitel zum Download, ebenso die beiden früheren D.U.T-Reports aus den Jahren 2019 und 2020.www.zukunftsboard-digitalisierung.de: Der D.U.T-Report steht auch hier zum Download bereit, zudem erfahren Sie dort mehr über das „zukunftsboard digitalisierung“ (zd), welches diese Umfrage konzipiert hat. Das zd ist eine Initiative von Experten aus Dia­betologie und Gesundheitswesen. Es versteht sich als Plattform für die Digitalisierung in der Diabetologie und möchte den Austausch und die Diskussion mit Experten fördern sowie Einschätzungen zu den Chancen und Risiken von Digitalisierungsprozessen in den verschiedenen Bereichen der Diabetologie abgeben. Auf dieser Website können Sie sich auch zu dem DiaChannel Newsletter anmelden, der Sie ganz aktuell über neueste Entwicklungen informiert.

    www.medical-tribune.de/digital-corner: Regelmäßig berichten wir in der „diabetes-zeitung“ in einer „Digital Corner“ über neueste Entwicklungen der Digitalisierung in der Diabetologie. Dort können Sie sich alle bisherigen Beiträge downloaden – unter anderem auch ganz aktuell zwei Themenhefte zu den Themen „Apps“ und „Telemedizin“ in der Diabetologie.

    www.bytes4diabetes.de: Innovative Projekte, neue digitale Lösungen und die Preisträger des vom zd ausgeschriebenen jährlichen „bytes4diabetes“-Award finden Sie auf dieser Seite.

    www.diatec-fortbildung.de: Die Vorstellung des D.U.T-Reports und die Preisverleihung finden am Vortag der jährlich durchgeführten Fortbildungsveranstaltung ­DiaTec statt. Hier finden Sie das Programm und können sich zu dem Newsletter ­DiaTec weekly anmelden, der Sie wöchentlich mit neuesten Informationen zu digitalen Themen der Diabetologie versorgt.

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“ – mit diesem berühmten Satz von Albert Einstein können wir unser Anliegen dieses D.U.T-Reports und der dazugehörenden digitalen Angebote am besten beschreiben. Wir möchten Sie anregen, sich über die Zukunft der Diabetologie Gedanken zu machen, und hoffen, Sie haben dabei genauso viel Neugier und Spaß wie wir.

Prof. Dr. Bernhard Kulzer
Bad Mergentheim

Prof. Dr. Lutz Heinemann
Neuss

Diabetesberater/innen und Diabetesassistenten/innen sind eine tragende Säule in der Versorgung von Patienten mit Diabetes mellitus und der VDBD als ihr Berufsverband ist „bundesweite Spitzenorganisation übriger Leistungserbringer“. Das bescheinigte kein Geringerer als der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), als er den VDBD im Juni 2020 in die Reihen der sogenannten stellungnahmeberechtigten Organisationen zu den Disease-Management-Programmen Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 aufnahm. Der G-BA als höchstes Organ der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen trifft weitreichende Entscheidungen zu den Leistungen, die gesetzlich Versicherte in Anspruch nehmen können. Daher ist dieser Schritt ohne Frage ein wichtiger Erfolg für den VDBD und eine würdige Anerkennung der Rolle der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in der Behandlung von Betroffenen. Eine der ersten Stellungnahmen, die der VDBD im Sommer 2020 für den G-BA erarbeitet hatte, betraf digitale medizinische Gesundheitsanwendungen. Schon 2019 hatte der VDBD in einem Positionspapier zur Digitalisierung ausgeführt, dass qualifizierte Diabetesfachkräfte in der Umsetzung digitaler Gesundheitsanwendungen eine Schlüsselrolle einnehmen.

Diabetesberater/innen und Diabetesassistenten/innen sind sich ihrer wichtigen Funktion im digitalen Transformationsprozess durchaus bewusst und nehmen auch die damit verbundenen Herausforderungen mutig an. Dies spiegelt sich in der sehr erfreulichen Beteiligungsrate an der Umfrage zu diesem D.U.T-Report wider. Fast 600 Diabetesberater/innen und Diabetes­assistenten/innen haben sich die Zeit genommen, um den umfangreichen Fragebogen zu beantworten. Ebenso beeindruckend ist die grundsätzliche Einstellung zur Digitalisierung. Fast 60 Prozent schätzen ihre digitale Kompetenz als gut bis sehr gut ein, und mehr als 90 Prozent der Befragten gaben an, sich für die Digitalisierung zu interessieren. Grund für diese positive und konstruktive Herangehensweise ist sicherlich, dass digitale medizinische Gesundheitsanwendungen schon längst im stationären und ambulanten Alltag angekommen sind und ausgeprägt in das Aufgabengebiet von Diabetesfachkräften fallen.

Welche Möglichkeiten die digitale Welt bietet, aber auch, welche Hindernisse zu überwinden sind, um deren Vorteile tatsächlich nutzen zu können, hat die SARS-CoV-2-Pandemie allzu deutlich gemacht. Während digitale Lösungen im Frühjahr 2020 in vielen beruflichen Kontexten zum Erhalt von deren Funktionsfähigkeit beigetragen haben, traf die Pandemie die Diabetesberatung mit voller Wucht: Plötzlich standen Diabetesfachkräfte vor der Frage, wie sie angesichts der behördlich verordneten Kontaktbeschränkungen Patienten schulen und beraten können.

Daher hatte der VDBD in dieser Phase von den zuständigen Stellen gefordert, zeitnah und unbürokratisch Online-Schulungen und deren Abrechnung zu ermöglichen. Mehrere Kassenärztliche Vereinigungen beschlossen befristete Ausnahmeregelungen, die jedoch das grundlegende Problem noch nicht gelöst haben. Ohne die strukturierte Präsenz-Gruppenschulung in ihrer wichtigen funktionellen Bedeutung infrage zu stellen, fordert der VDBD unisono mit DDG, BVND und diabetesDE, dass Online-Schulungen als zusätzliche Option dauerhaft Kassenleistungen werden müssen.

Dr. Nicola Haller
VDBD-Vorsitzende

Dr. Gottlobe Fabisch
Geschäftsführerin VDBD e. V. und VDBD AKADEMIE GmbH

Digitalisierung ist in Corona-Zeiten Gold wert

Wenn man der Corona-Krise etwas Positives abgewinnen möchte, ist das im Falle der Diabetologie die gestiegene Akzeptanz der Menschen mit Diabetes für mehr Digitalisierung. Durch die lange Zeit undifferenzierte Medien-Berichterstattung waren viele Menschen mit Diabetes extrem verunsichert. In der Folge nahmen sie teilweise wichtige diabetologische Nachsorgetermine in den Praxen nicht wahr. Experten einschlägiger Diabetesverbände waren sich schnell einig, dass Video-Sprechstunden und Online-Dia­betesschulungen eine Lösung während der COVID-19-Pandemie sein können.

Die vielen positiven Erfahrungen legen nahe, evaluierte und zertifizierte Online-Schulungen sowie Video-Sprechstunden dauerhaft als Parallel­angebot zu Präsenzschulungen und -sprechstunden auszubauen: Beides sind Erleichterungen und beide in Krisenzeiten geeignet, Therapiestrategien zu verbessern – vor allem für jene Menschen mit Diabetes, die in einem Flächenstaat leben und oft mehrere 100 km Fahrt in Kauf nehmen müssen, um den persönlichen Austausch mit dem Arzt/Praxisteam zu haben. Gleichwohl haben praktische Erfahrungen der letzten Monate gezeigt, dass bei Online-Angeboten der Austausch zwischen dem Diabetesteam und den Menschen mit Diabetes weniger interaktiv sein kann als bei analogen Begegnungen. Das mag an technischen Barrieren (fehlende Hardware mit Kamera/Mikro, fehlendes Internet, WLAN-Löcher) liegen, an kommunikativen Barrieren oder an beidem. So ist es z. B. für viele Nutzer irritierend, ständig auch sich selbst auf dem Videoscreen zu sehen. Und: Vor allem ältere Menschen mit Dia­betes haben schlichtweg oft noch keine ausreichende digitale Gesundheitskompetenz, um die Angebote zu nutzen. Hier gibt es eine Versorgungslücke, Krankenkassen sollten diese mit der Vergütung entsprechender Schulungsangebote füllen. Jede Investition in (digitale) Gesundheitskompetenz könnte Folgeerkrankungen und somit -kosten senken.

Unverständlich ist, dass trotz steigender Typ- 2-Diabetes-Zahlen in Deutschland kein koordiniertes Vorgehen zur Prävention von Hochrisikopatienten seitens der Krankenkassen zu erkennen ist. Wenn wir gesunde Ernährung und Bewegung forciert hätten, um Typ-2-Diabetes und Adipositas einzudämmen, hätten wir weniger COVID-19-Risikopatienten. Umso mehr sind bei der Konkretisierung der Nationalen Dia­be­tes­strategie auch digitale Präventionsstrategien gefragt. In anderen Ländern ist man hier weiter (KI-Modelle, „virtueller Arzt“ ermittelt Diabetesrisiko anhand Gewicht, Geschlecht, Alkohol- und Nikotinkonsum und fordert bei erhöhtem Score zum Arztbesuch auf). Auf dem Vormarsch sind digitale Coaching-Programme zur Lebensstil­intervention (DIGA). Eine individualisierte Ernährungs- und Bewegungstherapie wünschen sich (Umfrage unter 1 500 Menschen mit Typ-2-Diabetes) 48 Prozenz der Befragten, sie darf aber nicht am behandelnden Diabetesteam vorbei geschehen. Hier wäre eine strukturierte Implementierung digitaler Angebote z. B. im DMP wünschenswert.

Bleiben Sie der digitalen Welt gegenüber aufgeschlossen, vor allem aber: Bleiben Sie gesund!

Dr. Jens Kröger
Vorstandsvorsitzender, diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe

Die Digitalisierung ist in den Arztpraxen längst angekommen. Diabetologische Schwerpunktpraxen in Niedersachsen und der Verband der niedergelassenen Diabetologen Niedersachsens (VNDN) sind oft Vorreiter beim sinnvollen Einsatz digitaler Technik. Es zeigt sich aber auch, dass die Digitalisierung keinesfalls durch die rosarote Brille betrachtet werden darf. Wir müssen mit wachem Verstand positive und negative Entwicklungen wahrnehmen und durch unseren Einsatz dazu beitragen, dass sich die positiven Aspekte durchsetzen.

Nicht alle aktuellen Entwicklungen finden unseren Beifall: Als Beispiel sei genannt die Flut von Cloudlösungen für die Auswertung von CGM, Insulinpumpen und weiteren technischen Devices. Diese erleichtern uns die Arbeit nicht effektiv. Wir Diabetologen wünschen uns offene Schnittstellen zu allen Devices, sodass wir selbst die technische Auswertelösung auswählen können, die am besten passt.
Immer mehr Geld im Gesundheitswesen wird investiert in die Digitalisierung – oft erscheinen die Möglichkeiten unbegrenzt, die Erwartungen werden aber nicht erfüllt.

Die Kosten in den Praxen für digitale Technik steigen kontinuierlich. Dabei gewinnen finanziell nicht selten vor allem die Anbieter digitaler Lösungen. Zusätzliche Honorare für digitale Angebote werden in vielen Arztpraxen fast komplett durch die Kosten aufgezehrt. Der Aufwand für technisches Personal, Administratoren und ITler in den Praxen wird ebenfalls immer höher – hier sollten wir sehr aufmerksam sein: Denn dies könnte in der Zukunft dazu führen, dass sich nur noch Gesundheitskonzerne diesen Aufwand leisten können und die freiberuflichen Praxen nach und nach von Großanbietern aufgesogen werden.

Welche verhängnisvollen Begleiteffekte dies hätte, zeigt die Entwicklung im stationären Bereich nach den großen Privatisierungsaktionen im letzten Jahrhundert.

Am Ende muss die Medizin dem Menschen dienen, und genau unter der Prämisse sollten wir die Digitalisierung beurteilen und anwenden.

Der Digitalisierungs- und Technologiereport (D.U.T) leistet einen wichtigen und in dieser Form einzigartigen Beitrag für eine sinnvolle digitale Weiterentwicklung. Die nun im dritten Jahr durchgeführten Umfragen zur Digitalisierung haben es ermöglicht, Meinungsbilder sowohl von Patienten als auch von Ärzten und deren Diabetesteams abzubilden. Damit wird einer großen Gruppe von Menschen in der Diabetologie und deren Patienten ermöglicht, sich ein gutes Bild zu machen, Fakten abzuwägen und letztlich eine fundierte Meinung zu entwickeln. Darüber hinaus ist der D.U.T auch eine Informationsquelle für die Politik.

Wir Diabetologen sind zuallererst der Versorgung unserer Patienten mit einer fachlich hochqualifizierten, aber auch menschlichen Medizin verpflichtet. Digitale Techniken sollen uns unterstützen und Ressourcen schaffen für die Arbeit, die nicht durch Technik erledigt werden kann, sondern der höchstpersönlichen, menschlichen Präsenz des Arztes bedarf.

Wir müssen bereit sein, uns der digitalen Herausforderung zu stellen und dafür zu streiten, dass sich die Digitalisierung in unserem ärztlichen Sinne entwickelt.

Dr. Andreas Lueg
Vorstandsvorsitzender des Verbandes der niedergelassenen Diabetologen Niedersachsens (VNDN)

Der Bundesverband Klinischer Diabetes-Einrichtungen – BVKD – DIE Diabetes-Kliniken unterstützt die Umfrage unter Diabetologen zum Thema Digitalisierung und die im D.U.T-Report erfolgte Zusammenfassung über aktuelle Entwicklungen und Trends in diesem Bereich der Medizin.

Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Beschleuniger für technische Neuerungen in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Videokonferenzen als gängige Form der Weiterbildung haben sich innerhalb kurzer Zeit etabliert. Roboter unterstützen Chirurgen bei Operationen. Formen der künstlichen Intelligenz (KI) machen die Interpretation radiologischer Befunde zuverlässiger. Veränderungen am Augenhintergrund sind durch eine KI früher zu diagnostizieren als durch ärztliche Kollegen. Insulinpumpen werden durch Algorithmen gesteuert. Computerprogramme überwachen potenzielle Wechselwirkungen von Medikamenten oder helfen bei der Steuerung von Abläufen im Krankenhaus­alltag. Alles positiv und unproblematisch?
Dass dem nicht so ist, zeigen Hackerangriffe auf Krankenhaus-IT oder technische Geräte, die bereits zu Todesfällen geführt haben. Mit den neuen Möglichkeiten ergeben sich auch neue Anforderungen an die tägliche Arbeit von Medizinern: Wir müssen lernen, unsere Arbeit mit der Technik so zu gestalten, dass sowohl die Systeme als auch die Daten unserer Patienten sicher sind. Dazu sind wir auf Unterstützung von Spezialisten anderer Berufsgruppen angewiesen. Ein Behandlungsteam wird sich im Rahmen der Digitalisierung mindestens um Informatiker, Datenschützer und Juristen erweitern müssen.

Das Gespräch zwischen Arzt und Patient wird aber auch in Zukunft die Grundlage aller Behandlungen bleiben – gerade in der Diabetologie! Digitalisierung kann den Mediziner nur unterstützen, nicht ersetzen.

Dr. Thomas Werner
1. Vorsitzender des BVKD

Die nun vorliegende dritte Auflage dieses Reports gewinnt unter den aktuellen Rahmenbedingungen eine ganz besondere Bedeutung: Die uns noch immer begleitende Pandemie hat dafür gesorgt, dass Digitalisierung offenkundig auch in den letzten Köpfen angekommen ist und dass die konkrete Umsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen einem harten Praxistest unterzogen wird.

Neben der Tatsache, dass durch Digitalisierung das Leben teilweise einfacher, teilweise aber auch lebloser geworden ist, haben wir Diabetologen, die bei dieser Thematik gegenüber anderen Arztgruppen deutlich weiter sind, in den letzten 12 Monaten ganz konkrete Erfahrungen machen können. Und dabei sind wir neben den schon bekannten strukturellen Limitationen auch an andere und neue Grenzen gestoßen. Wir mussten lernen, dass neue und wünschenswerte Formate für eine adäquate Versorgung von Patient*innen wie Video-Sprechstunden und Video-Schulungen zwar machbar sind, aber in der Umsetzung erheblicher Korrekturen und Nachbesserungen bedürfen.

Dabei hat sich vor allen Dingen bei den vielen Kleinigkeiten im Alltag von Klinik und Praxis gezeigt, dass eine frühzeitige Einbeziehung der Endbenutzer*innen – in diesem Fall Ärzt*innen und Angehörige nichtärztlicher Assistenzberufe – von enormer Wichtigkeit und großem Nutzen ist: Nur die Nutzer am Ende können den Entwicklern und Ideengebern sagen, an welchen Stellen potenzielle Fehlerquellen sind und was letztlich auch benötigt wird. Entsprechende Expertise bewusst und aus vordergründigen und manchmal persönlichen Motiven nicht zu berücksichtigen, ist insbesondere in der aktuellen Lage fahrlässig und wird den Anforderungen am Ende nicht gerecht – und wird deswegen auch mittel- und langfristig nicht durchzuhalten sein.

Deswegen bin ich froh, dass erneut eine bunte Mischung aus Ärzt*innen, Diabetesberater*innen und Patient*innen an dieser Befragung teilgenommen hat: Man darf getrost davon ausgehen, dass nahezu alle Antwortenden Endbenutzer sind. Die Ergebnisse sind deswegen zwar enorm wichtig, andererseits bedeutet der insgesamt überschaubare Rücklauf aber auch, dass viele Menschen zwar passiv von Digitalisierung betroffen, aber aktiv noch nicht so affin sind, wie die Protagonisten uns verkaufen wollen und wie es vielleicht auch wünschenswert wäre.

Unabhängig von den konkreten Umfrageergebnissen wird eine kurz- und mittelfristige Aufgabe von uns Ärzt*innen sein, die Kluft zwischen den Affinen und den Nicht-Affinen nicht zu groß werden zu lassen und die Nicht-Affinen, die häufig auch die sind, die auf anderen Gebieten abgehängt zu werden drohen, mitzunehmen oder aber mindestens zu schützen. In diesem Zusammenhang ist seitens der Politik auch immer wieder die Rede von der Selbstverantwortung der Betroffenen, in diesem Fall Patient*innen. Wenn man aber über Jahrzehnte im Rahmen von (Schul-)Ausbildung die Werkzeuge für das Erlernen von Selbstverantwortung reduziert hat, ist es nicht fair, dieses nunmehr bedingungslos und konsequent einzufordern, nur weil es gerade wohlfeil ist.

In diesem Sinne sollten wir uns auch im täglichen Alltag der Vorreiterrolle bewusst sein und bleiben: Auch auf diesem Sektor haben wir Ärzt*innen eine wichtige Aufgabe im Sinne unseres Personals, vor allem aber im Sinne unserer Patient*innen!

Dr. Nikolaus Scheper
1. Vorsitzender des BVND

Die Rationalisierung der geistigen Arbeit ist ein seit Jahrzehnten anhaltender Prozess.

Die sogenannten konservativen Fächer in der Medizin arbeiten überwiegend kommunikativ und geistig, insofern sind sie ein potenzielles Feld dieses Prozesses. Mehr zu erreichen mit weniger Aufwand, liegt sicher im Interesse der Patienten und der Gesellschaft.

Auch die analoge medizinische Tätigkeit ist Informationsverarbeitung, vom ersten Kontakt mit einem Patienten bis hin zur Ergebnisevaluation. Die wichtige Frage in der technologischen Entwicklung ist: In welchen Bereichen ist der Mensch (Arzt) überlegen, in welchen kann Informationstechnologie helfen, weil sie „übermenschliche“ Fähigkeiten hat?

Die Diabetologie ist ein konservatives medizinisches Fachgebiet mit bestimmten Schnittstellen zur Physis wie der Messung von Glukose und der Gabe von Medikamenten. Auch die Kommunikation mit den Patienten dient z. T. der Veränderung physischer Zustände, dies geschieht z. B. bei der Ernährungsberatung oder der Instruk­tion zur Fußpflege.

In der Diabetologie werden so viele Daten gesammelt und verarbeitet, dass sogar von einer Datenmanagement-Erkrankung gesprochen wird.

Der D.U.T-Report ist noch relativ jung, hat sich aber schon zu einem Zustandsbericht über die Jahrzehnte währende digitale Entwicklung in der Diabetologie etabliert.

Mir erscheint es wichtig, dass sich Patienten und Behandelnde in die digitale Transforma­tion einmischen, da nur so die Selbstbestimmung über die eigenen Prozesse zu erhalten ist.
Viel Freude beim Lesen wünscht

Dr. Matthias Kaltheuner
Geschäftsführer von winDiab